Dienstag, 1. Mai 2012

Männerleben, Teil 3

Soeben kehre ich von einem weiteren Besuch bei meinen beiden Protagonisten Konrad und Johann zurück. Beide sind mir inzwischen wie Freunde ans Herz gewachsen, und ich sehe sie immer klarer vor mir. Heute ist sicherlich eines der wichtigsten Kapitel im Buch entstanden, auf das auch recht stolz bin, da es zunächst in angenehmen Erzähltempo vor sich hinfließt, um dann mit einem Knall zu Ende zu gehen. Und ich kann sagen, dass es großen Spaß macht, unverblümt, ja sogar frivol zu schreiben ... Trotzdem bin ich mir sicher, dass alles einigermaßen geschmackvoll erzählt wird. Auf "fremde" Reaktionen bin ich aber gespannt wie ein Flitzebogen. Jedenfalls freut es mich sehr, dass die Geschwindigkeit, mit der Anke die neuen Kapitel verschlingt, immer weiter wächst.

Heute Abend, also gleich, sind wir zum Tapas-Essen mit Freunden verabredet. Mir bleibt nun noch etwas mehr als eine Stunde. Doch die möchte ich der Versöhnung widmen! :-)

Wünsche Euch einen tollen Mai-Abend ...
Liebe Grüße,
Jens

Sonntag, 29. April 2012

Männerleben, Teil 2

Endlich bin ich wieder eingetaucht in die Welt meiner beiden neuen Protagonisten Konrad Weiß und Johann von der Lohe. Eigentlich hätte einiges für den Beruf zu schreiben gehabt, doch die im Kopf fertigen Geschichten wogen gestern einfach zu schwer, so dass ich letztendlich mit dem Schreiben beginnen musste und seit gestern Abend drei große Kapitel niedergeschrieben habe. Auch die Erlebnisse im "Pulverfass Cabaret" sind auf ihre Weise niedergeschrieben. An dieser Stelle bedanke ich mich noch einmal bei Chris aus Berlin für die freundliche Offenheit und das spannende Gespräch, das mir die Kunst der Travestie um einiges näher gebracht hat. Jetzt habe ich gut 20 Seiten geschrieben, bin erschöpft und betrübt, dass ich morgen wieder arbeiten muss und erst am Dienstag zu "Männerleben" zurückkehren kann. Zwei fertige Geschichten habe ich noch im Kopf, ein zweites Weihnachtskapitel und die Geschichte um ein skurriles Coming-out.

Die erste Weihnachtsgeschichte habe ich gerade geschrieben, zuletzt befeuert von Aperol Spritz, denn draußen scheint die Sonne, es ist schwül und warm und damit alles andere als weihnachtlich. Dank des Aperols ist mir wenigstens festlich ... Davor war ich zu Gast im "Dynamit Cabaret" und davor wiederum habe ich Johann von der Lohes Heimat und seine Flucht beschrieben. Alles in allem bin ich sehr zufrieden, auch wenn sich beim Schreiben offenbar, wie viel ich werde recherchieren müssen, wie viel Historisches geklärt werden muss. Anke durfte die Kapitel schon lesen - und ich freue mich sehr darüber, dass sie beeindruckt ist und mich in dem Gefühl bestätigt, dass ich mit "Männerleben" auf einem richtigen Weg bin.

Da der Periplaneta-Verlag ob des Themas eher zögerlich reagiert hat, überlege ich, ob ich noch einmal die Ochsentour gehe und sämtliche Verlage anschreibe. Oder ob ich im Oktober bei der Frankfurter Buchmesse Klinken putze ... Aber so viel ist klar: Diese Geschichten werden zu Ende geschrieben.

Jetzt leere ich meinen Aperol, dann gibt es Abend essen. Und wenn die schmerzenden Laptopfinger dann noch einmal wollen, schreibe ich noch Weihnachten, Teil 2 ...

Ich wünsche einen tollen Abend. Liebe Grüße,
Euer Jens

PS: Auf dem Bild seht Ihr Chris aus Berlin, die ich im Hamburger "Pulverfass-Cabaret" an der Reeperbahn kennen lernen durfte.

Sonntag, 25. März 2012

Also, es geht los. Nach einer längeren Pause habe ich eben endlich wieder ein kleines Kapitel für mein neues Projekt "Männerleben" geschrieben. Es ist schon das vierte, nachdem ich im Herbst vergangenen Jahres schon den möglichen Beginn und zwei weitere Geschichten aufgeschrieben habe.

Das Feedback könnte bisher unterschiedlicher kaum sein. Diejenigen, die eingeweiht sind und den Inhalt kennen, sind sehr wohlwollend, wenn nicht sogar begeistert. Von professioneller Seite aber schlagen mir Bedenken entgegen, auch mein Verlag gibt sich bisher sehr skeptisch, weil es um ein "Spezialthema" geht, wie es von dort heißt. Aber das Thema an sich kam an, es gefiel. Eine klare Absage kam gestern zudem aus der Filmbranche, weil man mit dem Thema Probleme in der Vermarktung sieht, wobei der zuständige Projektentwickler an sich auch mehr als angetan war von der Idee.

Für mich bedeutet dies: Ich bin auf dem richtigen Weg. Vielleicht braucht es dieses Buch gerade jetzt. Um mir selbst Mut zu machen, mich weiter zu motivieren und das Schreiben fortzusetzen, beginne ich diesen Block, der "Männerleben" dokumentierend begleiten soll, ohne dass zu viel verraten würde. Heute Abend jedenfalls werde ich schreiben, so lange ich die Augen aufhalten kann. Es hat so unglaublich gut getan, heute ein Kapitel zu schreiben und den Weg zurück zu finden zu Konrad und Johann, meinen beiden Protagonisten.

Ich freue mich über Feedback, schreibt mir! Macht mir Mut und begleitet mich dabei. Schreiben kann manchmal furchtbar einsam sein. Und an die Eingeweihten: Ich brauche jetzt Eure Hilfe, Eure Kontakte und vor allem Eure Geschichten.

Ich bin guter Dinge.
Liebe Grüße,
Euer Jens

Mittwoch, 18. Januar 2012

Möbelkauf und Comedy


IKEA Deutschland GmbH & Co. KG

Abteilung Kundenservice, Reklamationsmanagement, Beschwerden

Niederlassung Köln-Godorf

Godorfer Hauptstraße 171

50997 Köln


Betreff: Reklamation unserer Bestellung und Hinweise auf die kuriosen Umstände
 

Köln, 19. Januar 2012
Sehr geehrte Damen und Herren,



am Samstag, 7. Januar 2012, haben wir in Ihrem Haus einen wahren Mammuteinkauf mit Billy, Benno und Flären erledigt und uns dann mit Einkaufsservice, Liefertaxi und Vor-Ort-Montage auch noch das „Rundherum-Sorglos-Paket“ gegönnt, wobei „Sorglos“ leider nicht mehr zutrifft. In der Tat haben wir erfahren müssen, dass unser erster Versuch, derartige Ikea-Dienste in Anspruch zu nehmen, eher Sorgen bereitet.  

Zum Beispiel das Lastentaxi. Dort wurde ein falscher Liefertermin anstelle des angestrebten Samstags, 14. Januar, notiert. Jegliche Versuche, den Betreiber (MC-Dienstleistungen in Groß-Gerau) zu erreichen, scheiterten zunächst gleich an zwei Tagen. Weder telefonisch noch auch auf unsere E-Mails oder das Kontaktformular im Internet bekamen wir irgendeine Antwort. Also rief ich bei Ikea an, unter „01805“ und damit für 14 Cent die Minute, um jenen Termin berichtigen zu lassen.


Das Gespräch mit Ihrem Mitarbeiter war wenig erquicklich, obwohl es durchaus an Comedy erinnerte. Wieder und wieder musste ich nämlich Dinge wiederholen, Nummern aufsagen und ähnliches, so dass ich mich längst nicht mehr des Eindrucks erwehren kann, dass das Gespräch möglichst in die Länge gezogen werden sollte, damit es den Kunden, und damit mich, schön viel kostet. Es waren dann auch satte zwölf Minuten (!) an deren Ende Ihr Mitarbeiter sagte, dass er ohnehin nicht helfen könne. Zuvor hatte es eine skurrile Diskussion darüber gegeben, ob wir das Lastentaxi im Ikea-Gebäude oder außerhalb des Gebäudes gebucht hätten. Sie kennen sich (hoffentlich) in Ihrem Betrieb aus und wissen, dass wir das Lastentaxi im Haus gebucht haben und nicht vor der Tür in der Godorfer Kälte. Ihr Mitarbeiter aber meinte, dass das einfach unmöglich sei, wir müssten es draußen gebucht haben, Lastentaxis würden immer draußen gebucht … Daher könne er mir und uns nicht helfen. So viel Kompetenz habe ich prompt durch Auflegen klar bewertet.
 

Wenigstens war dann ein weiterer Versuch, MC-Dienstleistungen zu erreichen, endlich von Erfolg gekrönt und die Lieferung von Benno, Billy und Flären zum einst vereinbarten Termin klappte dann auch an besagtem Samstag vergangener Woche reibungslos. Und es wurde ein bemerkenswerter Nachmittag! Es kamen zwei Kollegen von Ihnen. Der eine von beiden entschuldigte sich sofort für seine schlechte Körperhaltung. Er habe zu lange auf der Sonnenbank gelegen und der Sonnenbrand auf dem Rücken bereite ihm unglaubliche Schmerzen. „Armer Kerl“, dachte ich und war dann auch gern bereit zuzulassen, dass er sich von seinem Kollegen mit jenem „Soventol“-Gel einreiben ließ, das er irgendwo im Zimmer gefunden habe, wie er sagte, als er plötzlich in einem ruhigen Moment neben mir stand. Immerhin, er fragte um Erlaubnis. Inzwischen aber steht fest, dass diese Tube „Soventol“ aus einem verschlossenen Umzugskarton (!) stammte, in dem wir alle Medikamente für den Auszug aus unseren alten Wohnungen gesammelt hatten. Am Abend war das Medikament ebenso weg wie Ihr Mitarbeiter. Das war nun wirklich nicht verabredet.
 

Und das war auch nicht die einzige böse Überraschung: Es war zuvor klar verabredet worden, dass die Schrankwand aus jeder Menge Billy und etlichen Bennos an der linken Zimmerwand und haargenau links neben den dort eingelassenen Steckdosen sowie einer Radio- und TV-Buchse aufgestellt werden sollte. Nun, die Schrankwand steht heute haargenau davor, jene Buchsen sind damit im Rücken verschwunden und nicht zu benutzen. Dabei hatte ich Ihrem Mitarbeiter genau aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Elemente anordnen sollte. Ich weiß, es ist mein Fehler, dass mir das erst später aufgefallen ist. Aber ich hatte an jenem Tag, zu jener Zeit noch keinen Grund dazu, an den Fähigkeiten Ihrer Mitarbeiter zu zweifeln.
 

Somit zeugt es auch von unglaublicher Weitsicht, dass Ihr Kollege die Billy Olsbo-Türen, die eigentlich für das rechte Ende der neuen Schrankwand vorgesehen waren, ganz links montiert hat. Sonst wären sie nämlich immer vor den Fenstersims geklatscht! Hätte er die Schrankwand aber, wie von mir geplant, mit Abstand zur Wand, zu Steckdosen und Buchsen aufgebaut, hätte er diesen Geistesblitz gar nicht erst haben müssen (oder war es doch eine Vertuschungsaktion?).
 

Zudem trauern wir um Flären: Der Badezimmerschrank wurde zwar aufgebaut, ist aber beschädigt und bereits reklamiert. Der Austausch soll am kommenden Samstag, 21. Januar, erfolgen und wir sind schon gespannt auf weitere Erlebnisse mit Ihrem Fachpersonal. Hoffentlich hat keiner von Ihren Kollegen eine Zerrung im Rücken, denn „Voltaren“ (noch reichlich vorhanden in jenem Karton) ist ungleich teurer als „Soventol“. Wir bringen das Gel also schon mal in Sicherheit. Das Reklamationstelefonat lief zwar reibungslos, mit viel Höflichkeit und ohne Verständnisschwierigkeiten auf beiden Seiten angenehm ab. Aber auch dieses Telefonat kommt uns teuer zu stehen. Es waren gute 14 Minuten. Ich hatte zuvor mein Glück mit einer Internet-Reklamation versucht und nach einer langen Zeit des Suchens auch tatsächlich das Online-Formular auf Ihren Seiten aufgespürt. Ich füllte es aus, tippte endlos lange Zahlenreihen hinein und drückte am Ende auf „Senden“. Was für ein Fehler: Plötzlich war das Formular wieder weiß, alle Angaben futsch. Also doch anrufen und 14 Cent pro Minute in Service-Kompetenz investieren … Als erstes wollte Ihr Kollege am Telefon übrigens wissen, warum ich ausgerechnet in Dresden anriefe, wenn ich doch Kölner sei. Nun, ich habe die Rufnummer gewählt, die ich auf Ihrer Seite vorgefunden habe! Beim heiligen Benno und Billy, das schwöre ich …
 

Ich weiß nicht, was Sie mit Schreiben wie diesem anfangen. Aber glauben Sie mir, ich bin ein gelassener Mensch und hätte auch die „Soventol“-Affäre mit einem Lächeln abgetan, wären nicht all die anderen Umstände gewesen, die weitere Kosten (wenn auch überschaubar) verursacht und vor allem weitere (Frei-) Zeit (unbezahlbar) verschluckt haben. Wir werden bald mit starken Freunden versuchen, sämtliche Billys und alle Bennos derart zu verrücken, dass die Buchsen wieder frei zugänglich sind. Und vielleicht hilft und ja Ihr Kollege dabei, der am Samstag zu uns kommt, um Flären auszuwechseln. Sollte er am Ende wirklich Rückenschmerzen haben, geben wir ihm unser „Voltaren“ recht gern. Und vielleicht darf er es auch behalten – je nachdem, wie sie sehr es wehtut.
 

Mit freundlichen Grüßen,

Jens Höhner

Samstag, 24. Dezember 2011


Terror, der aus der Karte tönt


Von Jens Höhner

Plötzlich ist es passiert. Ein dicker blauer Strich zieht sich von einer Ecke zur anderen. Ein irreparabler Schaden auf der eben noch blütenweißen Weihnachtskarte. Ein Fall für die Tonne. Eben, vor gut einer halben Stunde und kurz nach Ladenschluss, ist die Welt noch hübsch in Ordnung gewesen. Ruhig war’s und nahezu besinnlich. Zu Hause brennen Kerzen, die Füllfeder ist betankt, ein gutes Glas Rotwein soll das Schreiben der Weihnachtspost ein bisschen beschleunigen. In der Tat, die Feder fliegt über das Papier, aber das Herz rast wenig besinnlich, als jener Tintenstrich tiefblau übers Kartenweiß eilt. Auf der Stirn perlt der Schweiß, während der Kerl am anderen Ende des Füllers aufgesprungen ist vom Schreibtisch und ziemlich unweihnachtliche Flüche ausstößt, etwa „Du bescheuertes Rentier, Du!!!“ oder – beim Anblick des Weihnachtsmannes: „Du fetter Sausack im Puschelmantel!“

Dabei ist das Angebot echt gut gewesen: Jede Weihnachtskarte für nur einen Euro! Nur einen Euro! Denn ist es fünf vor zwölf, wenn die Adventspost pünktlich zum Fest die Freunde erreichen soll, dann ist jetzt Schreiben angesagt, eben bei Kerzenschimmer, Rotwein und bis vor einigen Augenblicken recht entspannter Atmosphäre – und einem gewissen Stolz, doch noch alles rechtzeitig zu schaffen. Dem türkischen Kiosk an der Ecke sei Dank. Eine Karte, ein Euro, einfach unschlagbar.

Und wer ahnt schon, dass die gut verpackte Ware plötzlich Geräusche macht? Dass aus Rentierfratzen irrelaut, aber monoton „Jingle Bells“ plärrt? Oder dass ein rotes Weihnachtsmanngeschicht ohrenbetäubend „O Tannenbaum“ schmettert? Jede Karte ist ein Treffer, jener Dudelmechanismus beim Aufklappen funktioniert mit verlässlicher und vor allem martialischer Perfektion. Für 20 Euro habe ich Spitzenware des weihnachtlichen Frohsinns erstanden, der mich vor dem vermeintlich ersten Federstrich kolossal erschreckt.

Während ich später nach dem ärgerlichen Tintenmalheur endlich auch die letzte Terror-Grußkarte in ihrem adressierten Umschlag verstaue, hoffe ich auf die Deutsche Post. Die hat schon ganze andere Sachen kaputtgekriegt.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Süße Träume auf Etage 4

Von Jens Höhner

Aus einem Lautsprecher tröpfelt moderne Jazzmusik, in ausgedehnten Klangwelten nöhlt ein Saxofon. Ich gleite – nein, ich schwebe – nahezu durch mir unbekannte, höchst moderne Lounge-Landschaften wie aus dem Katalog, eingelullt von dieser sphärischen Musik. Benebelt bin ich, vielleicht sogar high. Hier riecht es nach schwerem Holz, dort nach aufgerautem Leder. Üppigste Kissenberge laden ein zur Rast, Duftstäbe zur Linken und zur Rechten verströmen ihr Aroma. Ein Buddha grinst starr in den Raum hinein. Meine Arme werden schwer, die Beine sind es längst.

Aus dem Vorwärtsgleiten wird auf Etage 4 schließlich ein Taumeln. Ich kann nicht mehr. In den Ohren rauscht und braust es, immer wieder drängt sich jenes Saxofon in den Gehörgang. Meine Augen flimmern, die Nase juckt ob einer neuen Duftattacke. Alles dreht sich, mir sinkt der Kopf auf die Brust. Nur noch ein paar Schritte, denke ich, nur noch ein bisschen vorwärts. Dann kippe ich endlich um und versinke in flauschigen Decken, gerade eben spüre ich noch das bereitwillige Entgegenkommen einer hervorragenden Matratze. Dann ist es dunkle Nacht, ich werfe mich in Morpheus‘ Arme und gebe mich den Träumen hin. Herrlich. Ist es ein wirklicher Rausch?

Plötzlich ein energisches Räuspern. Dann ein Hüsteln, gefolgt von einem noch energischeren Räuspern. Eine Stimme dringt in meine Traumwelt. „Entschuldigung“, sagt sie. „Entschuldigung, Sie können doch nicht …“. Jemand greift an meine Schulter, fasst zu, schüttelt mich. Ich werde wach, plötzlich. Ich reibe mir die Augen. Vor mir steht ein Mann in einem schlechtsitzenden Polyesteranzug. Ein Verkäufer. Um mich herum stehen Betten, Betten und noch mal Betten. Und ich habe mir eines davon ausgesucht, um mich hinzulegen – auf Etage 4 von Möbel Meyer. „Mehr als drei Möbelhäuser sollte man einfach nicht an einem Tag aufsuchen, das ist zu viel“, urteile ich, während ich mich, eine Entschuldigung brummend, aus dem Ausstellungsstück schäle. „Sie sollten Ihre Kunden nicht so einlullen“, erkläre ich dem verdutzten Verkäufer, zeige auf die Duftstäbchen, deute auf die Jazz erfüllten Lautsprecher und trolle mich, verfolgt von einem nöhlenden Saxofon.

Dienstag, 23. August 2011

"Tomorrow's World" - oder: Kino für Kopf und Ohren

Von Jens Höhner

Sicherlich wäre es für Vince Clarke und Andy Bell ein Leichtes gewesen, auf der anhaltenden Achtziger-Jahre-Revival-Welle mitzureiten und sich schamlos selbst zu kopieren. Stattdessen aber schenkten die beiden Pioniere des Synthie-Pop ihr Vertrauen dem erst 26 Jahre alten Musikproduzenten Frankmusik aus London, der sich des neuen Erasure-Albums „Tomorrow’s World“, dem 14. Studiowerk der Band, annehmen durfte. Herausgekommen ist tatsächlich etwas von morgen, ein modernes und gradliniges Diskopop-Album, bei dem die Fans zwar auf die Soundspielereien von Vince Clarke weitestgehend verzichten müssen. Dafür aber brechen wahre Soundwände im Kinoformat über den Hörer herein – „Erasure goes Lady Gaga“ könnte das Motto gewesen für die Arbeit an „Tomorrow’s World“, das sich – wenn man den nach Vergleichen sucht – vielleicht als eine Mischung aus den früheren Erasure-Alben „Cowboy“, „Erasure“ und „Nightbird“ beschreiben lässt.

Bei aller Euphorie über diesen „Langspieler“ (man beachte die Anführungszeichen) muss aber festgehalten werden, dass es mehr als enttäuschend ist, dass die Herren Clarke und Bell gerade mal neun Songs anbieten, die es zusammen auf eine Spielzeit von nicht mal 32 Minuten bringen. Das ist mager. Wer noch mehr neues Erasure-Material hören will, muss auf die limitierte Version des Albums zurückgreifen, auf der es mit „Give me life“ dann wenigstens noch einen zehnten neuen Song zu hören gibt.

„Tomorrow’s World“ im Einzelnen:

01 „Be with you“:
Zuckersüßer, etwas klebriger Diskopop mit Ohrwurm-Garantie. Das Besondere an diesem Stück ist – wie bei anderen Songs des neuen Albums auch – der Gesang, der live und nahezu unbearbeitet klingt – geradeso, als säße Andy Bell in der Lautsprecherbox vor einem. Ein guter Opener, der Lust auf mehr macht, zum Beispiel auf „Fill us with fire“.


02 „Fill us with fire“: Der zweifelsohne stärkste Song des Albums, der sich wunderbar als Auftaktsingle geeignet hätte. Eine fantastische Melodieführung, ein perfektes Arrangement setzen erneut den Gesang Andy Bells wunderbar in Szene. Auch gibt es bei diesem Up-Tempo-Stück die ansonsten sehr spärlich eingesetzten en analogen Synthie-Finessen von Vince Clarke. Geht sofort ins Ohr – und reift dort lange nach.


03 „What will I say when you’re gone“: Eine der beiden Balladen auf dem neuen Langspieler und
vielleicht der langweiligste Song auf „Tomorrow’s World“. Die Melodie kommt sehr vorhersehbar daher – allein der Gesang von Andy Bell reißt diese Nummer aus der Belanglosigkeit.


04 „You’ve got to save me right now“: Dieser Song lässt hinhören, so ungewöhnlich ist er.Feinster Elektro-Blues von Erasure! Bei den vergangenen „Total Pop!“-Konzerten hat das Stück unter dem Kurztitel „Save me“ bei den Fans gemischte und überwiegend ablehnende Kritik hervorgerufen. Musikalisch ist er ob seines komplizierten Arrangements und der gesanglichen Herausforderung ein echter Knaller und damit ein Album-Highlight. Man muss ihn mehrfach hören, um den Charme der sauber produzierten Studioversion herauszuhören.


05 „A whole lotta love run riot“: Eine schnelle, stampfende Diskonummer mit ziemlich vielen Vocoder-Effekten, die sich ziemlich überraschend in den Soundkaskaden verlieren – eine clevere Produktion und eines jener Stücke, die mit überwältigenden Soundwänden aufwarten. Geht sofort ins Ohr, auch dank seiner eher schlichten Melodie. Und die Fans kommen in den Genuss, Andy Bell auf Französisch singen zu hören.


06 „When I start to (Break it all down)“: Ein wundervoller Song mit einer charmanten Melodie, die sich schnell in den Gehörgang kuschelt. Als erste Single nach einer Erasure-Pause von vier Jahren scheint er aber als Vorbote eher ungeeignet. Von der Musik her klingt das Stück eher reduziert, es lebt vom famosen Gesang Andy Bells, der erneut stark nach Live-Aufnahme klingt. Im Hintergrund dürfen endlich Vinces Clarkes Synthesizer hemmungslos hervorsprudeln – überraschendes, fesselndes Ende. Warum Frankmusik davon gleich eine Coverversion aufgenommen hat, ist allerdings ein Rätsel – von diesem eher missratenen Machwerk sollte man ohnehin Finger und Ohren lassen.


07 „I lose myself“: Hammerstarke Elektro-Nummer, die sich als Single nur so aufdrängt. Erinnert an
Donna Summers „Hot Stuff“. Knallhartes, trockenes Arrangement, eine absolute Partynummer. Das Modern-Talking-Klavier in der Mitte aber hätten besser Soundtüfteleien aus Vince Clarkes Klangschmiede ersetzt … Man darf sich – wie übrigens bei der Mehrzahl der neuen Kompositionen – auf das Live-Erleben freuen.


08 „Then I go twisted“: Und noch einmal geht’s auf den Dancefloor, lasziver Diskopop mit explosivem Sound und wummernden Beats, wunderbar kühl produziert und von Andy Bell betörend vorgetragen. Wieder aber kommt der Vocoder zum Einsatz, um den Gesang zu manipulieren – Geschmackssache. Ein Ohrwurm aber allemal.


09 „Just when I thought it was ending“: Eine umwerfende Ballade – vielleicht die beste, die Erasure jemals produziert haben, so bezaubernd wie einst „No doubt“. Üppige Klangteppiche, die den Song nach Soundtrack klingen lassen – großes Kino im wahrsten Sinne des Wortes. Schmeichelt sich ins Ohr und bleibt ewig in den Gedanken. Zusammen mit „Fill us with fire“ ein Höhepunkt auf „Tomorrow’s World“.



Fazit: Ein insgesamt starkes Album, das die Fans aber spalten wird. Die Vincianer werden eher enttäuscht sein, während die Bellianer frohlocken dürften wegen der brillanten Gesangsleistung, die Lust auf die kommenden Live-Auftritte macht. Insgesamt wäre zu wünschen gewesen, dass es mehr neues Material gibt, das zeigt: Erasure sind noch lange nicht am Ende der Kreativität angelangt. Im Vergleich mit einem Album wie „Nightbird“ aber fällt „Tomorrow’s World“ dann doch deutlich ab. Oder mit einer Schulnote ausgedrückt: 2-.